Sexualaufklärung: eine Herausforderung für Elternhaus und Schule


Sexualaufklärung: eine Herausforderung für Elternhaus und Schule

Blick zurück

Das Thema Sexualität und die damit verbundenen Facetten, Anliegen und Moralvorstellungen beschäftigt die Menschen direkt oder indirekt seit Menschengedenken. Von der Antike bis zur heutigen Zeit äussert sich das Verhältnis zu Sexualität je nach Kultur, Epoche, Wertmassstäben unterschiedlich. Der Stellenwert der damit verbundenen „Sexualaufklärung“ ist historisch schwer nachzuverfolgen. Wenn früher religiöse oder kulturelle Rituale, ärztliche und kirchliche Anweisungen Fragen zwischenmenschlicher Sexualität regelten, gilt es heute vor allem für Eltern und PädagogInnen, sich der Aufgabe der sexuellen Aufklärung anzunehmen. Ein erster historischer Meilenstein in Bezug auf schulische Sexualerziehung geht ins Jahr 1955 zurück, als Schweden als erster Staat das Thema als offiziellen Schulstoff einführte.

Sexualaufklärung heute

Heute gehört Sexualerziehung in den meisten europäischen Ländern zum integrierten Bestandteil des Lehrplans und viele Eltern besprechen das Lebensthema mehr oder weniger offen mit ihren Kindern. Trotzdem scheint das Thema in einer vermeintlich sexuell liberalisierten Welt noch immer an ein Tabu zu rühren und Kontroversen auszulösen. Es stellen sich Fragen zu Rollen und Zuständigkeiten. Ist Sexualaufklärung ausschliesslich Sache der Eltern? Welche Rolle hat die Schule? Können Fachleute wie SexualpädagogInnen eine Brücke schlagen? Wie viel „Intimität“ braucht das Thema? Wie viel „Offenheit“? Die Erfahrung zeigt, dass es auch heute noch vielen Eltern schwer fällt, die Fragen ihrer Kinder offen und ohne Scham zu beantworten. Oft sind es eigene Prägungen, die sich hemmend auswirken und sprachlos machen. Oder Ängste, nicht die richtige Dosierung zu finden, etwas falsch zu machen. Doch auch die Schule tut sich nicht immer leicht mit dem Thema Sexualaufklärung und nicht jede Lehrperson fühlt sich gut und sicher im Thema. Es gilt, neben geeigneter Methodik/Didaktik verschiedene Faktoren im Blick zu haben: die Heterogenität der Klasse bezüglich Alter, psychosexueller Entwicklung und Wissensstand, kulturelle, ethische und gesellschaftliche Aspekte, die Rahmenvorgaben des Lehrplans.

Sexualaufklärung in einer Welt voller Sexualität

Während noch in der Zeit unserer Grosseltern vorwiegend ein Klima der Körper- und Sexualfeindlichkeit herrschte, Sexualität vor allem als „Scham- und Gefahrenzone“ galt, scheinen heute dem Thema Sexualität alle Grenzen offen zu stehen. Sexualität ist omnipräsent, sichtbar, öffentlich, „frei“ – mit allen Facetten von positiv bis negativ, die diese Öffnung mit sich bringt. Die Medialisierung des Sexuellen stellt uns vor neue Herausforderungen. Deshalb ist Sexualaufklärung wichtiger denn je und wir dürfen die Kinder mit den neuen Medien nicht allein lassen. Eine sorgfältige, kind- und altersgerechte Aufklärung unterstützt und fördert die psychosexuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und stärkt sie in ihrer körperlichen Identität. Sie fördert die sexuelle Selbstbestimmung und Selbstverantwortung von Kindern und Jugendlichen. Eine sorgfältige, stufengerechte, fachlich fundierte Sexualaufklärung setzt einen Kontrapunkt zu „YouPorn“ und all dem Sexuellen im virtuellen Netz. Und schliesslich leistet Sexualaufklärung einen wichtigen Beitrag zur Prävention von ungeplanter Schwangerschaft, sexuell übertragbaren Krankheiten und sexueller Gewalt.

Was Kinder und Jugendliche wissen wollen

Die Fragen der Kinder und Jugendlichen sind je nach Alter und Kontext sehr spontan, einfach, „kindlich“ bis hin zu konkret und differenziert. Je nach Stufe ist der Fokus anders ausgerichtet. Die Kleinen brennen am meisten Fragen wie: „Wo komme ich her und was habe ich im Bauch der Mama zu essen bekommen?“ oder: „Warum können Männer keine Babys kriegen?“. Wenn es Richtung Pubertät geht, gilt das Interesse häufig den körperlichen Veränderungen: „Was ist besser: Binden oder Tampons?“ „Wie merkt man, dass man verliebt ist?“ Bei Jugendlichen zielen die Fragen häufig Richtung „Sexualität konkret“: Fragen zu Selbstbefriedigung, Petting, das erste Mal, sexuell übertragbare Krankheiten, Verhütung, sexuelle Gewalt, Pornografie. Während kleine Kinder ihre Fragen gern mit den Eltern besprechen, distanzieren sich Pubertierende mit zunehmendem Alter nicht selten von den Aufklärungsbemühungen der Eltern, als Ausdruck von Abgrenzung und Autonomie und Peinlichkeit. Umso bedeutsamer ist es, dass die Schule dieses Thema aufnimmt oder auch externe Fachpersonen beizieht, die zu den Fragen und Themen mit den Kindern und Jugendlichen in Dialog treten.

Es braucht beide

Zweifelsohne wäre es ideal, wenn Eltern sich gemeinsam mit Ihren Kindern zu diesem Lebensthema auseinandersetzen könnten. Sie sind die primäre Sozialisationsinstanz, sie vermitteln den Kindern ihre Werte und sind Vorbild. Die emotionale Beziehung kann ein wunderbares Fundament sein, um über diese spannenden Dinge mit ihnen zu sprechen. Im Zeitalter von Smartphones, „YouPorn“ und Sexting kommen jedoch ganz neue Herausforderungen auf das Elternhaus zu, und da ist häufig eine Überforderung anzutreffen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass die Schule ihre Rolle als Ergänzung zum Elternhaus wahrnimmt. Der biologistische Ansatz greift allerdings zu kurz. Die Schule hat den Vorteil, das Thema von verschiedenen Seiten beleuchten zu können und mittels geeigneter Methoden Kinder und Jugendliche ins Gespräch zu bringen, Diskurse anzuregen. Kinder und Jugendliche zu befähigen, die virtuellen Botschaften von Sexualität zu differenzieren, Realität und Fiktion zu unterscheiden. Sexualaufklärung ist wichtiger denn je – und es braucht für das Gelingen beide: Elternhaus und Schule.

Prisca Walliser
Prisca Walliser

56, Hebamme und Sexualpädagogin. Jahrelang hat sie an Schulen mit Kindern und Jugendlichen zum Thema „Sex und Liebe“ gearbeitet. Heute ist sie Dozentin für Sexualpädagogik an der pädagogischen Hochschule St. Gallen PHSG und an der FH Schloss Hofen in Bregenz und führt eine eigene Praxis für Paar- und Sexualtherapie in St. Gallen und Gais. Als Supervisorin arbeitet sie mit dem sexualpädagogischen Team von love.li zusammen.