Warum braucht es heute die Gynäkopsychiatrie


Warum braucht es heute die Gynäkopsychiatrie

In meiner Assistenzarztzeit an verschiedenen psychiatrischen und geburtshilflichen Institutionen ist mir aufgefallen, dass sich keine der Disziplinen richtig traut, schwangere, psychisch kranke Frauen umfassend zu betreuen. 2011 initiierte ich eine Spezialsprechstunde für Schwangere und Wöchnerinnen und begann mir das spezifische Know-how anzueignen. Aus dieser Initiative ist 2014 das heutige Kompetenzzentrum Gynäkopsychiatrie als gemeinsames Angebot der beiden St. Galler Psychiatrieverbunde Nord und Süd entstanden. Sprechstunden werden in Heerbrugg und Wil angeboten. Das Team besteht aktuell aus zwei Oberärztinnen, zwei Assistenzärztinnen und einer Psychologin. 

Für Frauen mit einer psychischen Erkrankung stellen Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett eine besondere Herausforderung dar. In dieser Phase sind Patientinnen vulnerabel für eine Verschlechterung oder ein Wiederauftreten von Symptomen. Bei vielen zuvor gesunden Frauen treten in dieser sensiblen Phase Erstsymptome einer psychischen Erkrankung auf. 

Frauen mit psychischen Erkrankungen sind aus geburtshilflicher Sicht Risikoschwangere. Sie brauchen während der Schwangerschaft, Geburt und Postpartalzeit eine engmaschige psychiatrische und psychotherapeutische Begleitung. Behandlungspläne mit schriftlichem Festhalten von Besonderheiten für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett in Absprache mit dem Geburtshelfer können zu einem für die Eltern und Behandler entspannteren Schwangerschafts-, Geburts- und Wochenbettverlauf beitragen. 

Unbehandelte psychische Erkrankungen können sich über die Stress-Hormonachse ungünstig auf den Schwangerschaftsverlauf auswirken sowie nach der Geburt des Babys zu Mutter-Kind-Interaktionsstörungen führen, welche sich direkt auf die kindliche Entwicklung und seine spätere Beziehungsgestaltung auswirken kann. Bereits im Mutterleib finden wichtige Prägungen statt. 

Eine besondere Stellung nehmen aufgrund der hohen Prävalenz (10-15 Prozent) Schwangerschafts- und postpartale Depressionen sowie Angst- und Panikstörungen ein. Im Rahmen derer treten oft erstmals Zwangssymptome auf. Persönlichkeitsstörungen, zum Beispiel die ängstlich-vermeidende und die Borderline-Persönlichkeitsstörung, kommen – je nach Studie – mit einer Prävalenz von 5-17 Prozent in der Allgemeinbevölkerung vor. Postpartale Psychosen sind mit einer Häufigkeit von 0,2 Prozent selten, durch die Auswirkungen auf das Kind und das gesamte Umfeld der Frau aber einschneidende Ereignisse. 

Psychotherapie

In unserer Sprechstunde behandeln wir alle Patientinnen psychotherapeutisch entsprechend unserer Psychotherapierichtung (systemisch, verhaltenstherapeutisch und analytisch). Rund um die Geburt des Babys werden mit der Mutter neben allgemeinen Themen insbesondere jene rund um die Anpassung an die Mutterschaft besprochen. Hier arbeiten wir nach dem Konzept der „Mutterschaftskonstellation“ von Daniel Stern, welches sich mit jeder Psychotherapierichtung integrativ kombinieren lässt. Der Vater wird ebenfalls in die Therapie miteinbezogen und unterstützt. Begleitet werden die Gespräche durch körpertherapeutische Ansätze, Kunst- und Ergotherapie sowie Job-Coaching bei arbeitsplatzbezogenen Problemen. 

Auch Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch, Schicksalsschlägen rund um die Schwangerschaft sowie Frauen, welche die Geburt ihres Babys traumatisch erlebt haben, werden psychotherapeutisch betreut. 

Psychopharmakotherapie in Schwangerschaft und Stillzeit

Bei Eintritt einer Schwangerschaft nimmt circa jede achte Frau Psychopharmaka ein. Das Gebiet der Psychopharmakotherapie in der Schwangerschaft und Stillzeit ist oft von Seiten der Frauen und deren Behandler angstbesetzt. Besondere Kenntnisse und Erfahrungen in diesem Bereich sind von Vorteil für die Nutzen-Risiko-Abwägung, die 

Auswahl der Medikamente und kompetente Aufklärung der Frau und ihres Partners. 

 

Präkonzeptionelle Beratung

Dank vielfältiger Behandlungsmöglichkeiten sind von psychischen Erkrankungen betroffene Frauen heute eher als früher in das gesellschaftliche Leben integriert, leben in festen Beziehungen und wollen eine eigene Familie gründen. Bei bestehendem Kinderwunsch stellen sich ihnen und ihrem Partner viele Fragen. Darf ich mit meiner Erkrankung ein Kind haben? Wird mein Kind gesund sein oder ist meine Krankheit vererbbar? Sind meine Medikamente schädlich für mein Kind? Bin ich der zusätzlichen Belastung durch ein Kind gewachsen? 

In unserer Sprechstunde bieten wir eine „präkonzeptionelle Beratung“ an für psychisch kranke Frauen mit Kinderwunsch, in der wir oben genannte Fragen mit dem betroffenen Paar reflektieren und es in der Entscheidung für oder gegen ein Kind unterstützen. 

Das Ziel sind bewusst getroffene und reflektierte Reproduktionsentscheidungen von psychisch kranken Frauen, welche eine möglichst gute Lebensqualität für sie selbst, ihren Partner und ihre Kinder zur Folge haben. Im Falle einer Schwangerschaft wird das Paar in unserer Sprech- stunde begleitet und unterstützt. 

 

Weshalb ein Kompetenzzentrum?

Unser Kompetenzzentrum soll neben der Behandlung und Beratung zu einer guten interdisziplinären Vernetzung der kantonalen Psychiatrieverbunde Nord und Süd mit den Gynäkologen/Geburtshelfern, Hebammen, Mütter- und Väterberater und Väterberaterinnen und anderen Beratungsstellen beitragen. Die Vernetzung erfolgt über Weiterbildung, Vernetzungstreffen und Supervision. Psychiater und Gynäkologen unterstützen wir telefonisch oder mittels eines Konsils in ihrer Arbeit. 

Auf kantonaler Ebene ist unser Ziel, zur weiteren Entstigmatisierung der von einer psychischen Erkrankung betroffenen Schwangeren bzw. Wöchnerin beizutragen und den von einer Ersterkrankung betroffenen Frauen den Zugang zu einer spezialisierten fachärztlichen Behandlung zu erleichtern. Wir möchten Paaren den Übergang 

in die Elternschaft erleichtern und durch eine gute Eltern-Kind-Interaktion psychischen Problemen der Kinder im Sinne der Primärprävention vorbeugen. 

 

Dr. Med. Jacqueline Binswanger
Dr. Med. Jacqueline Binswanger

43, Leiterin Kompetenzzentrum Gynäkopsychiatrie, Psychiatrie- Zentrum Rheintal, Oberärztin

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