Vom Versuch, das Dorf ein Stück weit zu ersetzen


Vom Versuch, das Dorf ein Stück weit zu ersetzen

Vor zehn Jahren gründete I.K.H. Sophie von und zu Liechtenstein die Beratungsstelle schwanger.li. Im persönlichen Interview spricht sie über ihre Beweggründe, gesellschaftliche Veränderungen und darüber, wer im Fürstenhaus für die Aufklärung zuständig ist.

„Die Aufgabe ist absolut aufbauend, auch wenn ich teilweise mit schwierigen Geschichten konfrontiert werde.“

Sie sagen, es sei Ihnen aus eigener Erfahrung wichtig, schwangere Frauen und Paare bestmöglich zu unterstützen. Welche persönlichen Erfahrungen meinen Sie?

I.K.H. Sophie von und zu Liechtenstein: Als ich mein erstes Kind erwartete, lebten mein Mann und ich in London. Einerseits liefen dort Geburtsvorbereitung und Geburt ganz anders ab als hier. Es gibt Gynäkologen, die nur die Geburt machen, und dann jene, die machen alles andere. Es war okay, für mich aber ziemlich ungewohnt. Andererseits hatte ich damals einen internationalen Freundeskreis, mit dem ich mich auch austauschte. So sassen wir eines Tages zusammen und plötzlich brach aus einer Bekannten heraus, dass sie abgetrieben hatte. Das Thema beschäftigte mich lange und ich überlegte mir, etwas zu schaffen, das Menschen in derart schwierigen Lebensphasen unterstützen und auffangen kann. 

Von jenem Moment bis zur Gründung von schwanger.li verstrich noch etwas Zeit.

Stimmt, das hat relativ lange gedauert, ich bekam in der Zwischenzeit vier Kinder. Das Interesse an diesem Thema hat aber über die ganze Zeit nie nachgelassen. Auch deshalb, weil ich durch meine eigenen Schwangerschaften immer wieder damit konfrontiert und natürlich auch sensibilisiert wurde. 

Hätten Sie sich während ihrer Schwangerschaften eine Beratungsstelle wie schwanger.li gewünscht?

Eine Konfliktschwangerschaft hatte ich glücklicherweise nie. Doch schwanger.li deckt ja nicht nur Themen rund um Konfliktschwangerschaften ab, sondern ein viel breiteres Feld, insbesondere auch den psychologischen Aspekt. Heute nütze ich schon gerne das Know-how der Beraterinnen, speziell bei fachlichen Fragen. 

Gerade dieser psychologische Aspekt nimmt heute einen viel grösseren Stellenwert ein. Sind die Ansprüche gestiegen? Oder ist unsere Generation schlicht verweichlicht? Anders gefragt: Warum brauchen wir schwanger.li?

Vielleicht ist schwanger.li ein kleiner Versuch, ein Dorf zu ersetzen. Mir scheint, als ob Ruhe, dieses Geerdete, heute generell in der Gesellschaft fehlt. Die Frage ist, ging es verloren aufgrund einer gewissen Verstädterung? Oder sind es unsere eigenen Ansprüche, die gewachsen sind? Ich meine, wer nimmt sich heute noch Zeit und setzt sich „aufs Bankerl“ vor das Haus? Wir erleben, dass viele Frauen das, was unsere Mütter noch hatten – das intuitive, natürliche Schwanger sein – ein bisschen verloren haben, oder es sich nicht mehr erlauben dürfen. Dazu kommt, dass es viele Frauen gibt, die alleinerziehend sind. Ihnen fehlt unter Umständen das familiäre Umfeld, in dem sie sich austauschen können und getragen fühlen. Deshalb braucht es schwanger.li. Wir versuchen, gemeinsam mit anderen Einrichtungen, dieses fehlende Dorf ein Stück weit zu ersetzen. 

Die Beratungsstelle ist innerhalb von zehn Jahren von vier Mitarbeitenden auf 16 Hauptamtliche und 12 freie Mitarbeitende in Buchs, Schaan und Feldkirch gewachsen. War dieses Wachstum von Anfang an so geplant? 

Nein. Ich wollte einfach helfen, informieren und unterstützen. Ich bin da recht pragmatisch. Ich bin auch nicht sicher, ob man so was überhaupt planen kann. 

Wächst schwanger.li weiter?

Von der Grösse her passt es jetzt. Bei den Themen sind wir noch nicht am Ende, denke ich. Es stellt sich natürlich die Frage, wie wir das machen, wenn sich neue Bedürfnisse auftun. Sagen wir: Nein, das geht jetzt nicht auch noch. Oder sagen wir: Gut, dann müssen wir uns überlegen, wo und wie wir die Prioritäten setzen. Es finden ja viele gesellschaftliche Veränderungen statt. Themen wie Stress in der Schwangerschaft sind am Zunehmen, auch mit den Flüchtlingen kommen neue Herausforderungen auf uns zu. 
Da ist die Frage: Lassen wir uns darauf ein? Ich denke, wir richten uns nach dem Bedarf. 

Apropos Bedarf: Kommen die Inputs eher von Ihnen? Oder verlassen Sie sich da auf ihre Beraterinnen?

Ich höre sehr stark auf meinen Geschäftsführer und die Beraterinnen. Die sind viel näher dran und wissen, was sie tun. Sie tauschen sich untereinander aus und lassen die Themen reifen, bevor sie damit zu mir kommen. Und dann haben wir ja auch noch den Stiftungsrat, mit dem wir nochmals alles gemeinsam durchgehen. Das sind schon längere Prozesse. 

Und doch scheint, Sie sind sehr nahe dran. 

Gerade schwanger.li und das Rote Kreuz sind für mich Herzensangelegenheiten. Mir ist das sehr wichtig und ich will mir dafür wirklich Zeit nehmen. Die Aufgabe ist absolut aufbauend, auch wenn ich teilweise mit schwierigen Geschichten konfrontiert werde. 

Neben schwanger.li haben Sie mit love.li auch ein Sexualpädagogik-Team aufgebaut. Wer war eigentlich im Fürstenhaus für die Aufklärung ihrer Kinder verantwortlich?

Das haben mein Mann und ich gemeinsam gemacht.
Also vor allem soweit die Kinder fragten. Auf ihre Fragen altersgerechte Antworten zu geben, das empfinde ich als
sehr wichtig. Sobald sie die Augen verdrehen, muss man aufhören (lacht). 

Und...Haben die Kinder gefragt?

Ja, ja... mehr oder weniger. Mein Mann und ich haben die Aufklärung auch rechtzeitig und sorgfältig selbst thematisiert. Mir war wichtig, dass sie zuerst daheim aufgeklärt werden. Da geht es um weit mehr als Biologie, da geht es auch ganz viel um Werte, um Beziehungen und darum, was Verantwortung füreinander bedeutet.

Wie haben Sie selbst Ihre Aufklärung erlebt?

Ich weiss von vielen Freundinnen, dass sie das Thema Aufklärung im eigenen Elternhaus nicht so unkompliziert empfunden haben. Ich hab das persönlich überhaupt nicht so erlebt. Im Gegenteil: Bei uns zu Hause war das völlig normal und positiv. 

Wie hat sich ihr eigenes Verhältnis zum Mutter sein, zum Frau sein, durch Ihre Aufgabe als Schirmherrin von schwanger.li verändert?

Ich bin nicht sicher (überlegt lange)... Wenn ich von gewissen Schicksalen höre, stelle ich mir vor, das könnte auch ich sein, einfach mit einer anderen Biografie. Aber ich glaube nicht, dass mich die Aufgabe verändert hat. Ich engagiere mich einfach sehr gerne für schwangere Frauen, weil es eine sehr sinnvolle Tätigkeit ist. 

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