love.li: Sexualität ganzheitlich verstehen


love.li: Sexualität ganzheitlich verstehen

„Jugendliche wollen wissen, was wir denken und wie wir leben. Wenn wir uns als Referenten und Referentinnen mit unserer eigenen Lebenserfahrung, mit unseren Werten und Haltungen einbringen, tun wir dies, ohne unseren eigenen Lebensentwurf absolut zu setzen. Auch wenn uns selbst klassische Beziehungswerte wie Liebe, Treue, Ehrlichkeit, Respekt oder partnerschaftliche Haltung wichtig sind, respektieren wir andere Lebenskonzepte und Wertvorstellungen. Unser Ansatz der Wertevermittlung ist die Anleitung zur Selbstreflexion, in Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht und der Eigenverantwortung der Menschen.“ (aus dem Leitbild von love.li)

”Je intimer das Thema, desto peinlicher ist es den Kindern, mit ihren Eltern darüber zu reden.”

Kriemhild Nachbaur, Andrea Summer, was genau bedeutet Sexualpädagogik?

Kriemhild Nachbaur: Sexualpädagogik ist weit mehr als klassische Körper- und Sexualaufklärung. Vielmehr geht es um das Ganzheitliche, das heisst um alle Bereiche im Zusammenhang mit Beziehungen, Identität, Lust, Fruchtbarkeit und Schutz.

Andrea Summer: Sexualpädagoginnen und -pädagogen begleiten und bilden Kinder, Jugendliche und Erwachsene rund um die Themen Sexualität und Liebe.

Wozu brauchen wir Sexualpädagogen?
Anders gefragt: was macht love.li unverzichtbar?

Summer: Wir nehmen uns Zeit, eine möglichst vertrauensvolle Atmosphäre aufzubauen. So spüren die Kinder, dass wir sie ernst nehmen. Für viele ist es das erste Mal überhaupt, dass sie sich offen und auf eine natürliche Weise über all ihre Themen austauschen können – sowohl in der geschlechtergetrennten als auch in der gemischten Gruppe. Sie geniessen das und sind dankbar für diese Möglichkeit. Ich denke, dass sich diese Erfahrung positiv auf den Dialog zwischen den Geschlechtern auswirkt. Er wird respektvoller und ehrlicher.

Nachbaur: Kinder und Jugendliche schalten oft bei den klassischen biologischen Themen den Kopf ab. Sie sagen, sie hätten diese Dinge schon tausendmal gehört oder gelesen. Wir vermitteln zwar auch biologisches Wissen, holen die Schülerinnen und Schüler aber bei den Themen ab, die sie wirklich interessieren.

Welche Themen interessieren die Kids denn wirklich?

Summer: Viele Fragen zielen in die Richtung, sich der eigenen Persönlichkeit mit all den Gefühlen, Bildern und Gedanken bewusster und im Umgang mit anderen klarer zu werden: Wie schaffe ich es, die Mädchen auf mich aufmerksam zu machen? Wie spüre ich, ob jemand in mich verliebt ist? Wie merke ich, dass ich bereit bin für das erste Mal?

Dann sind die Jugendlichen heute gar nicht aufgeklärter, als wir es damals waren?

Nachbaur: Nicht unbedingt. Die Themen sind zwar die gleichen wie früher, aber es kommen einfach viel mehr Fragen dazu. Deshalb ist die heutige Situation kaum vergleichbar mit unserer Jugendzeit. Sexualität ist heute im Alltag überall. Das macht Sexualpädagogik noch notwendiger. Einfach, um diese verzerrten Bilder der Sexualität wieder geradezurücken. Problematisch ist, dass manche Kinder heute schon mit sieben, acht Jahren pornografische Bilder zu Gesicht bekommen, während sie persönlich vielleicht noch nicht ihren ersten Kuss erlebt haben. Das war vor 20, 30 Jahren noch anders. Wir machten unsere Erfahrungen auch, aber nicht in diesem Umfang und Tempo.

Wieso braucht es externe Fachleute? Und welche Rolle spielen die Eltern, die Schule?

Nachbaur: love.li legt viel Wert darauf, die Eltern miteinzubeziehen. Die Eltern haben das Recht zu wissen, was wir machen und wie wir es machen. Wir bitten die Lehrpersonen immer, Elternabende mit uns zu veranstalten und es gibt auch immer einen Brief an die Eltern. Wenn die Eltern, die Lehrpersonen und wir am gleichen Strick ziehen und Aufklärungsarbeit leisten, dann ist schon viel gelöst.

Summer: Ich erlebe, dass viele Eltern bei Sexualfragen gerne die ersten Ansprechpartner ihrer Kinder wären. Aber je intimer das Thema, desto peinlicher ist es den Kindern, mit ihren Eltern darüber zu reden. Und bei den Lehrern erst recht. Das ist viel zu schambesetzt. Wir hingegen geniessen Anonymität. Das nutzen die Kinder und öffnen sich mit ihren wirklichen Fragen. Die Verschwiegenheit ist in unserem Beruf ganz wichtig.

Arbeitet ihr zwei jeweils gemeinsam?

Nachbaur: Unsere Workshops für Buben und Mädchen werden jeweils von einem Mann und einer Frau geleitet, teilweise gemeinsam, teilweise nach Geschlecht getrennt. Die Sensibilität für die unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstufen der Kinder und Jugendlichen und der respektvolle Umgang mit diesen sehr persönlichen Themen sind wichtig.

Wann geht ihr raus aus einem Workshop und sagt: Das war gut, wir sind zufrieden.

Summer: Wenn die Schülerinnen und Schüler verstehen, dass sie ihre Sexualität und ihre Beziehung selber gestalten können und bereit sind, Verantwortung zu tragen und auf sich selber zu hören, habe ich meine Arbeit gut gemacht. Das Ganze ist ein Prozess, dazu gehört auch das Ausprobieren und das Scheitern. Ich will rüberbringen, dass sich die Schülerinnen und Schüler auf diesen Prozess freuen dürfen.

Nachbaur: Mir sagte einmal ein Mädchen nach einem Workshop, ihr sei klar geworden, dass sie auf sich aufpassen sollte. Nach so einer Rückmeldung kann ich mit einem guten Gefühl heimgehen.

Wie entwickelt sich die Sexualpädagogik?

Summer: Es wird auch zukünftig wichtig sein, dass Mädchen ihren Zyklus und Jungen ihre Fruchtbarkeit verstehen und wissen, wie ein Kind entsteht. Was sich jedoch verändert, ist die Gesellschaft. Sie wird vielfältiger. Daher wird es für Kinder und Jugendliche noch anspruchsvoller werden, ihre eigene Identität und Beziehungsform zu entwickeln.

Nachbaur: Vielleicht werden wir noch mehr unterschiedliche Lebensmuster und Lebensformen diskutieren müssen. Doch es wird auch in Zukunft um klassische Beziehungswerte wie Liebe, Treue, Ehrlichkeit, Respekt und Vertrauen gehen. Das entspricht der Grundsehnsucht des Menschen.

Kriemhild Nachbaur
Kriemhild Nachbaur

Leiterin love.li Vorarlberg, 54, drei Kinder, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin, Sexualpädagogin und Sexualtherapeutin

Andrea Summer-Bereuter
Andrea Summer-Bereuter

Leiterin love.li Liechtenstein/Schweiz, 42, zwei Kinder, Sozialpädagogin mit Lehrgang für Integrative Leib- und Bewegungstherapie, Sexualpädagogin